Veröffentlicht in Memorial, Persönliches

Beschlossen – Ausgeführt

So unbürokratisch, so zügig, so routiniert (automatisiert, könnte man sagen) wurde meinem Großvater der Prozess gemacht – damals im Jahr 1937. Er war einer von zehn Angeklagten aus demselben Dorf und nur einer von vielen Millionen repressierten Menschen, die in Russland verurteilt, deportiert, in Lager gesperrt, gefoltert und hingerichtet wurden. Wenn ich die wenigen Zeilen aus dem Protokoll der sogenannten Troika lese – und viel mehr noch zwischen den Zeilen – dann wird mir ganz anders …

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Veröffentlicht in Persönliches

Meine Mutter und ich

„Besonders glücklich bin ich aber, wenn einer glücklich ist, den ich liebe.“ – Sei Shōnagon

… Ein Zitat, das ich vor vielen Jahren entdeckte. Diese Worte berührten mich sehr, ließen mich innehalten, in mich hinein hören und sie als meine persönliche Wahrheit erkennen.

Therapiegespräche tun einem gut, will man doch meinen. Man kann sich alles von der Seele reden, schafft Klarheit in vielerlei Dingen. Das stimmt ja auch. Einerseits. Andererseits ist das Eintauchen in die Welt, die schon lange hinter mir liegt, nicht gerade angenehm. Es ist ein Stück Arbeit, die oft weh tut. Nicht, weil irgendetwas Schreckliches ans Licht kommt (das sicher auch), aber viel mehr, weil ich wieder Menschen „begegne“, die längst nicht mehr da sind, Menschen, an die ich oft denke, die jedoch in ihrem Leben unglücklich waren. Ich weiß das und dieses Wissen schmerzt. Und es schmerzt, darüber zu reden.

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Veröffentlicht in Memorial

Mischas Verbrechen

In Gedenken an alle, die in den Zeiten des kommunistischen Terrors und unter Stalins Regime leiden und sterben mussten.

Übersetzung (von mir) aus dem Russischen und Fotos – nach freundlicher Genehmigung von Andrej Schalajew – dem Gründer und Betreiber der russischen Internet-Plattform Bessmertny Barak

Wir wissen nicht viel über das Leben von Mischa Schamonin, nur – wie es zu Ende ging. Er war ein Straßenkind und dreizehn Jahre alt, als er am 4. Dezember 1937 in Hungersnot zwei Brotlaibe stahl. Dabei wurde er erwischt und der Miliz übergeben. Es passierte  in einem Laden, also war es Unterschlagung von Staatseigentum und somit ein besonders schweres Verbrechen. Kinder zu töten erlaubte Stalin schon 1935, indem er die Anwendung des höchsten Maßes an Sozialschutz – die Erschießung – ab dem zwölften Lebensjahr legalisiert hatte.

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Veröffentlicht in Autobiografie, Memorial, Persönliches

Mein Großvater

In Gedenken an alle, die in den Zeiten des kommunistischen Terrors und unter Stalins Regime leiden und sterben mussten.

Fotocollage (Titelbild) – mit freundlicher Genehmigung von Andrej Schalajew – dem Gründer und Betreiber der russischen Internet-Plattform Bessmertny Barak

Johann Hetterle wurde 1871 im Dorf Scherowo (deutscher Name Peterstal) geboren. Die wohlhabende Familie besaß einen kleinen Bauernhof, zudem war Johann ein angesehener Prediger in der Baptisten-Gemeinde des Dorfes. 1933 kam es, wie es kommen musste – die Sowjets enteigneten ihn als Kulak [so etwas wie ‚reicher Bauer‘] und damit nach ihrer Ideologie als Feind des Volkes. Man nahm den auf diese Weise gebrandmarkten Menschen alles weg, bis auf wenige Sachen, die sie im Gepäck haben durften, und deportierte sie nach Sibirien. „Mein Großvater“ weiterlesen