Veröffentlicht in Brief, Menschsein, Persönliches

Über Gott und das Leben – Leserbrief

Wer kennt das nicht? Du suchst in den abgelegten Papieren nach einem bestimmten Schriftstück und entdeckst zufällig etwas anderes, was dich aufs Neue ins Grübeln bringt. So habe ich aus einer Schreibtisch-Schublade diesen Leserbrief hervorgezogen, verfasst von einer mir unbekannten Frau. Den Brief samt beigefügtem Geschenk hatte sie für mich in einer Bücherei abgegeben, wo ich 2016 eine Lesung hielt.


„Sehr geehrte Frau Ananitschev,

vor ein paar Wochen bekam ich in der Bücherei eine Leseprobe lhres Buches „ln der sibirischen Kälte“. Beim Durchlesen wurde ich sehr stark an meine eigene Geschichte erinnert, an meine Kindheit in Nordkasachstan und in Russland. Da ist in mir der Wunsch gewachsen kurz zu berichten wie es mir in der ähnlichen Situation ergangen ist. lnzwischen habe ich lhr Buch mir gekauft und es auch gelesen. Es hat mich sehr aufgewühlt und nachdenklich gemacht.

Danke für lhre Offenheit auch bei den schwierigen Themen lhres Lebens. Leider bin ich nicht so eine begnadete Aufsatzschreiberin, aber ich hoffe, Sie können meinen Gedanken folgen und nehmen mir die vielen Fehler nicht übel.

Mein Name ist Luisa. Geboren bin ich 1964 in Nordkasachstan. Ende der Sechziger Jahre sind wir nach O. in der Nähe von Kuibyschew umgezogen, wo wir bis zu unserer Ausreise 1978 nach Deutschland wohnten.

ln Russland gehörten meine Eltern einer nicht registrierten Baptistengemeinde an. Auch wenn es verboten war, nahmen sie uns mit in den Gottesdienst. Wir trafen uns zu Kinderstunden, die Gefahr, ‚erwischt‘ zu werden schwebte oft über uns. Trotz alledem genossen wir die vielen Abenteuer mit den Gleichaltrigen. Meine Eltern sind keine gebildeten Leute, aber sie erklärten uns so gut sie konnten, warum wir nicht Oktoberkinder oder Pioniere werden sollten. Natürlich fiel es mir in der ersten Klasse schwer Außenseiter zu sein, aber mit der Zeit machte es mir nichts mehr aus. Der Stress, alle paar Wochen vor der Klasse ausgeschimpft zu werden, war mir lieber, als zum Lenin-Denkmal zu marschieren und einer Ideologie dadurch Ehre zu erweisen.

Besonders ist mir in Erinnerung der 19. Mai 1977 geblieben. Es war der Tag der Pioniere. Da wurde meiner Klasse die Ehre zuteil am Lenin-Denkmal Blumen niederzulegen. Es war die Belohnung für das Alteisen, das wir im Herbst gesammelt hatten. Meine Freundin Anna und ich haben die Pause genutzt, um das zu umgehen. Wir versteckten uns unter der Treppe hinter der Kellertür, mit klopfenden Herzen; über uns hörten wir, wie nach uns gesucht wurde, und wir beteten, dass wir nicht erwischt werden. Am nächsten Morgen wurden wir von den Mitschülern und auch von der Klassenlehrerin dementsprechend begrüßt, die Standpauke war uns sicher.

Sie werden bestimmt über unser Verhalten nur den Kopf schütteln, aber für mich war es ein einschneidendes Ereignis, Gott konkret erfahren zu haben. Mein Vater war abends oft weg, erst viel später erfuhr ich, dass er im Untergrund beim Binden von Bibeln mitgeholfen hatte. Er hätte für längere Zeit hinter Gittern landen können, aber das Vertrauen zu so einem großen Gott, der die Welt gemacht hat und für uns sorgt, auch in so einem Fall, war größer. Sie haben uns dadurch auch gelehrt, im Leben Prioritäten zu setzen und gegen die Masse zu schwimmen.

Das ist das eine: ihr Vertrauen und der Glaube an Gott, der der größte Halt im Leben unserer Familie war. Das andere ist der Charakter und die Vergangenheit, die das Verhalten unserer Eltern auch beeinflussten. Mein Vater ist sehr schwierig, alle seine sieben Kinder haben mit ihm, der eine mehr, der andere weniger, Probleme. Er hat sich sehr gewünscht, einen Sohn zu bekommen, auf den er lange warten musste. Nach 5 Mädchen kam der langersehnte Junge, ich war 10 und habe immer wieder nebenbei Bemerkungen mitbekommen, als wären wir weniger wert. Viele Jahre später habe ich mit ihm darüber gesprochen, er hat sich entschuldigt und mir gesagt, dass er es nicht mit Absicht gemacht hat. Aber mit dem Gefühl minderwertig zu sein, habe ich manchmal heute noch zu kämpfen. Er hat seinen Vater mit 6 Jahren verloren, dann seine zwei Schwestern, darüber wurde auch kaum gesprochen. Über die Armut und das Leben voller Gewalt hat er immer wieder mal erzählt. Das schlimmste für ihn war das Fluchen, das ekelte ihn zum Schluss so an, er wollte unbedingt davon frei werden. Für ein Leben mit Gott haben sich meine Eltern vor ihrer Ehe entschieden, aber dadurch sind sie nicht perfekt geworden.

lhre Mutter erinnert mich auch sehr stark an meine Mama. Sie spricht nicht über ihre Gefühle, hat mit uns nie gespielt, wenn, dann waren das die Omas. lch denke, dass es die Generation ist, die es nicht gelernt hat über Emotionen zu reden, und wenn, dann nur sachlich. Und statt mit uns zu spielen, war da immer etwas im Haus, im Garten oder mit dem Vieh zu tun, wo wir mithelfen mussten.

Vor paar Jahren habe ich versucht mit Fragen aus ihr etwas herauszubekommen, aber ich kam an sie nicht richtig ran. Irgendwann habe ich in ihrem Mutterpass (meine jüngste Schwester ist in Deutschland geboren worden) gesehen, dass sie einige Fehlgeburten gehabt haben muss, von denen wir, außer einer, nichts mitbekommen haben. Es wäre schön, wenn sie darüber reden würde, aber sie behält es für sich. lch will es akzeptieren und nicht weiter in sie bohren.

Vor einigen Jahren ist mein Mann arbeitslos geworden, wir steckten so richtig in der Ehekrise und auch sonst fühlte ich mich wie in einem dunklen tiefen Loch. Ja, wir haben Gott, ich habe auch oft zu ihm um Hilfe geschrien, aber ich brauchte jemand der mir half, meine Gedanken zu sortieren, wieder klar zu denken. Eines Tages hat mir eine Bekannte ihre Hilfe angeboten. Wir haben nicht die aktuellen Probleme geklärt, das kann man ja auch gar nicht, da es oft sehr komplex ist. ln den Gesprächen konnte ich jedoch die Gedanken und Gefühle erst einmal sortieren, um klarer von jemand anderen sie widergespiegelt zu bekommen. Auch die Verletzungen aus der Kindheit, die Beziehung zu meinen Eltern sind wir angegangen. Die Vergangenheit kann man nicht ändern, aber ich wollte sie nicht weiter mit mir herumschleppen.

lch habe Briefe an meine Eltern geschrieben, darin konkret die Verletzungen benannt und dann im Namen von Jesus ihnen vergeben, sie gesegnet. lch habe ihnen vergeben, es tut in der Seele nicht mehr weh. Alles wird man nicht vergessen, aber vieles ist nicht mehr so präsent. Ich wollte die Briefe aber nicht wirklich ihnen zukommen lassen, es hätte sie sehr verletzt in ihrem Alter. Mir ist bewusst, sie wollten für uns das Beste, so gut es ging nach ihren Vorstellungen und Möglichkeiten.

Schlussendlich bin ich meinen Eltern dankbar, dass sie mir die Liebe zu Gott weitergegeben haben, so wie sie es konnten. ln der Pubertät und auch danach noch einige Jahre hab ich vieles infrage gestellt, habe rebelliert, habe nach Antworten gesucht. Aber Gott war immer da, wie ein roter Faden, auch wenn ich ihn nicht immer gefühlt und gesehen habe. Zuerst verbunden mit viel Angst, jetzt aber kenne ich ihn als einen liebenden Vater, den ich nicht mehr missen möchte. Er hat das Beste, das Wertvollste für mich gegeben – seinen Sohn Jesus. Er hat versprochen, bei mir zu sein in schwierigen Zeiten, die er zulässt, und er ist das Ziel, das mich am Ende erwartet.

Samuel Koch schreibt in seinem Buch „Zwei Leben“ auf S. 158 -159 über die Analyse von Blaise Pascal hinsichtlich des Glaubens an Gott folgende Ergebnisse, die ich auch unterschreiben könnte:

  • Man glaubt an Gott, und Gott existiert – in diesem Fall wird man belohnt.
  • Man glaubt an Gott, und Gott existiert nicht – in diesem Fall gewinnt man nichts (verliert aber auch nichts).
  • Man glaubt nicht an Gott, und Gott existiert nicht – in diesem Fall gewinnt man ebenfalls nichts (verliert aber auch nichts).
  • Man glaubt nicht an Gott, und Gott existiert – in diesem Fall verliert man.

Liebe Frau Ananitschev, mein Schreiben ist viel länger geworden, als ich ursprünglich wollte. lch hoffe sehr, Sie können meine Erlebnisse etwas nachvollziehen. Es ist ja nur bruchstückhaft. Mit diesem Schreiben will ich Sie nicht kritisieren oder belehren, nein, das ist nicht meine Absicht, es sind eher die Gedanken, die mich in diesem Zusammenhang bewegen.

Anbei schenke ich Ihnen zum Stöbern eine der ältesten „Bibliotheken“ der Welt. Wünsche lhnen dabei viel Freude.

Mit herzlichen Grüßen Luisa Krämer.

PS: Leider kann ich aus beruflichen Gründen bei lhrer Lesung nicht dabei sein.“

Die Bibel
Die Bibel – mein Geschenk – liegt zwar seit drei Jahren im Bücherregal, aufgeschlagen habe ich sie noch nicht.

Anmerkung:
Die Namen im Brief und die Orte habe ich geändert, den nahezu fehlerfreien Inhalt so belassen wie im Original. Ihre Adresse hat die Absenderin, wohl völlig bewusst, nicht angegeben.


Dieser Brief löste in mir damals (ebenso wie jetzt bei erneutem Lesen) gemischte Gefühle aus. Einerseits war ich berührt von der Offenheit der Verfasserin und erfreut, dass mein Buch sie so beeindruckt hat. Andererseits aber auch verärgert, denn aus meinen Aufzeichnungen geht deutlich hervor, wie ich zur Religion stehe. Und dann schenkt sie mir eine Bibel? Ist es ein Versuch, mich zu bekehren? Baptisten sind ja dafür bekannt, dass sie jede, noch so kleine Gelegenheit nutzen, um über Gott und den Glauben zu reden. Oder wollte sie einfach etwas loswerden, womit sie sich schon lange gedanklich beschäftigte? Oder beides? …

Sehr bemerkenswert finde ich die zitierten Ergebnisse der Analyse von Blaise Pascal. Sie erinnern mich stark an meinen Vater. Er hatte mir Ähnliches vermitteln wollen – es war vielleicht ein paar Monate vor seinem Tod – indem er sagte: „Auch wenn du meinst, dass es Gott nicht gibt, könntest du doch trotzdem an ihn glauben, in die Kirche gehen und beten. Es würde dich doch nichts kosten! Wenn es ihn gibt, dann wärst du auf der sicheren Seite. Und wenn es ihn nicht gibt, hätte der Glaube dir letztendlich auch nicht geschadet.“

Schon damals staunte ich über seine Worte und fragte mich insgeheim: Ist mein Vater nun wirklich gläubig oder hat er auch seine Zweifel und tut nur so? …

Also, für alle Fälle glauben?
Wenn ich jedoch der festen Überzeugung bin, dass es Gott nicht gibt, was mache ich dann? Wie kann ich mich zum Glauben zwingen? Oder soll ich einfach nur so tun, als ob? Aber – im Falle des Falles! – wird Gott der Allmächtige nicht merken, wenn ich mich verstelle, wird er mich nicht durchschauen und letztendlich doch bestrafen?

Ganz ehrlich – das ist kein Weg für mich. Für mich gilt: Egal ob mit oder ohne Gott – Hauptsache Mensch sein, im besten Sinne des Wortes.

Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk). Seit 1992 lebe ich in Deutschland und arbeite als Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste in der Stadtbücherei Lüdenscheid. In der Freizeit schreibe ich gern, auch für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum".

4 Kommentare zu „Über Gott und das Leben – Leserbrief

  1. Liebe Rosa,
    da hast du ein tolles Geschenk bekommen. Und einen offenen Brief. Oder offenherzigen? Wie übersetze ich otkrowenno? Und doch etwas, das irgendwohin abzweigt, wo du eventuell nicht folgen magst. Das Geschenk einer Bibel wirkt wirklich etwas übergriffig. Aber ich glaube, wir lernen von unseren russlanddeutschen oder russischen Eltern nicht, Grenzen zu setzen und auf die Bedürfnisse zu achten, ob die eigenen oder die der anderen, sondern wir lernen, wie wir Leute mit etwas beglücken, Essen, warme Kleidung, gute Ratschläge und immer wieder Essen. Etwas, das sie vielleicht nicht haben wollen. Oft zu viel davon.
    Es bleibt, dass dein Schreiben diese Frau sehr berührt hat und sie dir etwas zurückgeben wollte.
    Oder sie hatte einfach ein Bedürfnis gehabt, sich mitzuteilen, zumal in oder nach einer Krise. Du bist ein Spiegel für sie.
    Danke, dass du das geteilt hast….

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Scherbensammlerin,
      herzlichen Dank fürs Lesen und deine Worte.
      Ja, du hast recht – es ist ein tolles Geschenk, und der Brief hat mich auch sehr berührt. Es ist wirklich schön, wenn dein Buch jemanden so bewegt, und er/sie so viele Assoziationen zu dem eigenen Leben findet und das Bedürfnis verspürt, darüber zu erzählen.
      Deinen Überlegungen, warum eine Bibel, kann ich auch zustimmen. Aber ich denke, der Gedanke, dass so ein Geschenk im Gottes Sinne wäre und vielleicht sogar mich dem Gott näher bringen könnte, dieser Gedanke war auch dabei. 😉 Ich kenne das von meiner jüngsten Schwester – sie ist Baptistin (russlanddeutsche Gemeinde) und fühlt sich stets verpflichtet, den Glauben weiterzugeben, egal ob im passenden oder unpassenden Moment, egal wen sie als Gesprächspartner gerade vor sich hat. Bei mir hält sie sich mittlerweile zurück 🙂 …
      Otkrowenno würde ich auch „offenherzig“ übersetzen. Offen und mit Herz und ehrlich.

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      1. Ich finde es auch (was toll? schön?) gut, wenn Menschen Kraft in ihrem Glauben finden. Aber es darf doch auch andere geben. Unsere Systeme sind nicht immer kompatibel. Egal, von mir hast du kein biblisches Geschenk zu befürchten. Höchstens mal ein heidnisches Zeichen. Kennst du die sog. Lunitza? Ein altes slawisches Symbol, eine Mondsichel als Schutzzeichen für alle Frauen?

        Gefällt 1 Person

      2. Der Glaube hilft ja auch vielen Menschen die schweren Zeiten durchzustehen, und so soll es auch sein und bleiben 🙂
        Danke für das Schutzzeichen, kann ich auf jeden Fall gebrauchen 😉 Aber von Lunitza habe ich nie gehört (oder völlig vergessen), muss ich mal recherchieren.
        Liebe Grüße
        Rosa

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