Veröffentlicht in Kurzgeschichte, Literatur

Lauf ins Verderben

Kurzgeschichte

Anja eilte aus dem Haus, ohne zu frühstücken. Sie hatte – trotz Tabletten – eine weitere schlaflose Nacht hinter sich, in der sie einer Idee nachhing, die immer mehr Besitz von ihr ergriff. Es war nur ein Strohhalm, aber sie klammerte sich an ihn wie an einen Balken.
Die junge Frau las nochmals die kurze WhatsApp-Nachricht, die sie am Nachmittag vor vier Tagen von Alexander erhalten hatte: „Süße, kann heute früher abhauen, bin in fünfzehn Minuten bei dir.“
Klare Worte, kurzer Satz … Kein Problem, die zwei Kilometer Entfernung vom Arbeitsplatz bis zu ihrer Wohnung zurückzulegen. Aber so einfach es zu sein schien – Alex kam nie an.
Warum nicht? Was geschah an diesem Tag mit ihm?
Er hatte ja nicht einmal den berühmt berüchtigten Gang zum Kiosk angetreten, um Zigaretten zu holen! Nein, er ging nicht von ihr, er wollte zu ihr. Und auf diesem Weg löste er sich einfach in Luft auf?
Nicht einmal polizeiliche Ermittlungen hatten bis jetzt etwas ergeben.

Anja fuhr mit dem Auto bis zu Alexanders Arbeitsstätte, stellte es dort ab und machte sich zu Fuß auf den Rückweg.
Sie nahm dieselbe Strecke, auf welcher der Freund verschwunden war, versuchte, den möglicherweise letzten kurzen Abschnitt seines Lebens nachzuvollziehen. Vielleicht fand sie doch noch einen Anhaltspunkt, etwas, das die Polizei übersehen hatte.
Gleich am Anfang der Straße befand sich eine Apotheke. Anja fiel das Rezept ein, das sie schon seit zwei Tagen bei sich trug – höchste Zeit es einzulösen, sonst blieb sie bald ohne Schlaftabletten. Bei dieser Gelegenheit konnte sie sich auch gleich nach dem Vermissten erkundigen; wer weiß, vielleicht hatte jemand irgendetwas gesehen. Die Apothekerin konnte ihr leider in dieser Hinsicht nicht weiter helfen, und so setzte Anja ihren Weg fort.
Als sie den Ort erreichte, an dem am Straßenrand ein alter Nussbaum stand, überkam sie plötzlich eine starke Unruhe, verbunden mit der dunklen Ahnung: Hier war etwas passiert … 
Ihr Atem beschleunigte sich, ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, der sehnsuchtsvolle Drang, den Verschwundenen zu finden, wuchs ins Unermessliche.
Aufmerksam betrachtete sie den Baumstamm … Da! Da war etwas! Sie streckte vorsichtig die Hand aus und berührte den merkwürdigen, gräulich glänzenden Kreis, der – so perfekt wie er sich darstellte – völlig fehl am Platz wirkte.
Die Fläche fühlte sich unter ihren Fingern heiß und vibrierend an; ein unangenehmes Ziehen und Kribbeln breitete sich in Anjas Körper aus und für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen. Dann war der Spuk vorbei. Schnell zog sie die Hand zurück und wandte sich wie aus einem Traum erwachend um: Die Umgebung hatte sich merklich verändert. Die Farben schienen intensiver geworden zu sein, die Sonne strahlte vom blauen Himmel … War der nicht eben noch mit schwarzen Wolken verhängt gewesen?
Anja blickte auf das Haus, in dem sie wohnte und das nur noch wenige Meter entfernt war – auch das Gebäude sah verändert, nämlich unnatürlich neu, aus.
Dann aber weiteten sich ihre Augen vor Überraschung: Alex rannte aus dem Hof auf sie zu. 
In ihrer Freude darüber überhörte sie seine warnenden Rufe, nahm sein entsetztes Gesicht nicht wahr, lief ihm nur weinend entgegen und fiel ihm um den Hals …

Jenseits dieses akribisch nach dem Original erschaffenen Wohnsektors stand eine Gruppe Aliens und beobachtete das Szenario. Sie stießen vor Begeisterung unartikulierte Schreie aus: Jetzt hatten sie auch das zweite Exemplar dieser merkwürdigen Spezies eingefangen, verfügten somit über ein Männchen und ein Weibchen im günstigsten Fortpflanzungsalter. Dadurch erhöhten sich die experimentellen Möglichkeiten um ein Vielfaches.
Es war der alte Mror gewesen, der vorgeschlagen hatte, noch ein paar Tage abzuwarten, bis das Weibchen nach seinem Partner suchen werde. Nun erklärte er stolz: „Ich habe euch doch gesagt, Menschen sind dumm und die sogenannte Liebe – eine ihrer primitiven Eigenschaften – macht sie abhängig voneinander und blind für jede Gefahr. Sie laufen ins eigene Verderben und – uns in die Falle.“

Alexander löste sich aus der Umarmung seiner Freundin. Jetzt erst bemerkte Anja die Veränderungen in seinem Gesicht. Wie nach einer schweren Krankheit war es blass und schmal geworden. In den mit dunklen Schatten umrandeten Augen lag tiefe Traurigkeit.
„Du hättest nicht hierherkommen dürfen!“, sagte er mit rauer Stimme und fügte flüsternd hinzu: „Jetzt haben sie uns beide.“
„Wer hat uns? Was redest du da?“ Anja begriff kein Wort.
Ihr Freund wies verstohlen in die Richtung, aus der sie gerade gekommen war. Seinem Wink folgend, drehte sie sich rasch um und ihr stockte der Atem: Nichts war mehr wie zuvor.
Der blaue Himmel mit der strahlenden Sonne war verschwunden, eine graue, niedrige Decke hing stattdessen über ihnen. Auch das Haus, in dem Anja wohnte, gab es nicht mehr. Um sie herum rollten langsam gläserne Wände aufeinander zu und verbanden sich lautlos zu einem Gefängnis, einer Labor-Vitrine ähnlich!
Ein Dutzend fremdartiger Kreaturen, die einem Albtraum entsprungen zu sein schienen, stand außerhalb des gläsernen Käfigs. Funkelnde, übergroße Augen starrten sie – die darin Eingeschlossenen – an, als seien sie … Laborratten?
„Verstehst du jetzt?“, vernahm Anja Alexanders schrille Stimme hinter sich. Sie antwortete nicht, griff stattdessen hastig in ihre Jackentasche … Ja, sie war da – die Packung mit dem Schlafmittel! Nun wusste sie – es gab aus dem, was ihnen widerfahren sollte, doch noch einen Ausweg.


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Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk). Seit 1992 lebe ich in Deutschland und arbeite als Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste in der Stadtbücherei Lüdenscheid. In der Freizeit schreibe ich gern, auch für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum".

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