Veröffentlicht in Autobiografie, Persönliches, Psyche

Positiv ist mehr

Mit positiven Gedanken der depressiven Stimmung entgegenwirken, auch wenn sie sich bereits nachts in deine Träume eingeschlichen hat? Ist das überhaupt möglich?
Um darauf zu antworten, will ich erst einmal eine Liste der guten Dinge zusammenstellen. Die Liste des Negativen darf allerdings dabei nicht fehlen.
Eins vorweg: Alle Beispiele und Vergleiche mit dem anderen Land betreffen die Zeit vor meiner Aussiedlung nach Deutschland. Darüber, wie es in Russland heute aussieht, will ich nicht spekulieren, dazu fehlt mir die eigene Erfahrung. Allerdings, demnach, was ich so alles im Netz lese, sehe und höre, wage ich zu bezweifeln, dass es wesentlich besser geworden ist.

Positiv


  1. Meine Familie und ich leben nicht mehr in Russland. Wir haben es vor 26 Jahren geschafft, dieses albtraumhafte Land zu verlassen.
  2. Ich habe zwei wunderbare Kinder und zwei nicht minder wunderbare Enkelkinder.
  3. Ich habe eine Frau an meiner Seite, mit der ich glücklich bin.
  4. Auch meinen Beruf kann ich hier ausüben. (Als ich Anfang 2000 die Stelle bekam, konnte ich mein Glück kaum fassen).
  5. Zwei Bücher von mir sind veröffentlicht (und etliche Kurzgeschichten in Anthologien und im Internet). Sie verkaufen sich zwar nicht besonders gut, werden jedoch in der Stadtbücherei Lüdenscheid immer wieder ausgeliehen und sind meistens „unterwegs“. Die Feedbacks, die ich bekomme, sind großartig. Was will frau mehr? 🙂 Und ich kann weiter schreiben, wann immer und worüber ich will – im Netz, auf meiner Homepage, in meinem Blog.
  6. Ich habe viele gute Freund*innen, nicht nur bei Facebook und Co., sondern auch im wahren Leben 🙂
  7. Ich habe eine schöne Wohnung, in der ich mich wohlfühle.
Dagmar Roder und Rosa Ananitschev

Negativ ⇒ mit Gegenwirkung


  1. Die Depression (noch aus der alten Heimat aus der Kindheit mitgeschleppt) klammert sich immer noch gelegentlich an mich.
    ⇒ Dagegen kämpfe ich mit allen Mitteln an und ich habe die graue Hexe im Griff. Diese Liste soll eines dieser Mittel sein 🙂
  2. Überdimensionale Sorgen um eines meiner Kinder (als Folge der traumatischen Erlebnisse nach seiner Geburt).
    ⇒ Dagegen hilft nur immer wieder vor Augen zu führen:
    a) dass dieses Kind mit seinem Leben zurechtkommt und den eigenen, wenn auch ganz besonderen Weg, wenn auch mit meiner Unterstützung, geht;
    b) dass ich für mein Kind da sein kann, solange ich lebe;
    c) dass dieses Kind, würde es noch in Russland leben, „verraten und verkauft“ wäre.
  3. Wiederkehrende Flashbacks (?) in Form zersplitterter Erinnerungen, die sich nicht deuten und nicht einmal zusammenfügen lassen.
    ⇒ Ich habe gelernt, damit umzugehen, versuche nicht mehr, krampfhaft (wie am Anfang) die Puzzleteile aneinander zu reihen, um die Erinnerung endlich zu fassen und zu verstehen. Ich lasse es einfach geschehen und dann ist der Spuk auch schneller vorbei.
  4. Einige meiner Verwandtschaft wollen mit mir nichts mehr zu tun haben – wegen meiner Lebensart und weil ich „Lügen“ verbreite.
    ⇒ Mittlerweile nehme ich es gelassen und sogar mit Humor.

Die linke Liste ist eine, die bei Weitem nicht vollständig ist. Das kann sie auch gar nicht, denn es gibt so vieles, was hier anders ist, menschlicher, angenehmer, praktischer … Was eigentlich normal und selbstverständlich ist! Solche normale Sachen wie zum Beispiel (ich kann einfach nicht umhin, sie im Folgenden auch noch aufzuzählen, so wie sie mir gerade einfallen):

  • Jedes Rezept aus einem beliebigen Kochbuch kann ich hier nachkochen, weil ich alle Produkte dazu kaufen kann. In Russland gab es auch (wenige) Kochbücher, die hatten jedoch keinen Sinn, denn wo sollte man die Zutaten herbekommen?
  • Ich kann hier jeden Bestseller kaufen und lesen – in Russland waren Bücher in Buchhandlungen nur dann zu haben, wenn man entsprechende Beziehungen vorweisen konnte.
  • Musik, die ich mag – in Russland hätte ich sie wahrscheinlich nie entdeckt.
  • Jedes Jahr fahren wir mindestens einmal in den Urlaub. Hätte ich es mir in meiner alten Heimat leisten können? Nein. In den 38 Jahren, die ich dort verbrachte, war ich höchstens fünfmal in der Urlaubszeit von Zuhause weg, davon dreimal bei der Verwandtschaft.
  • Primushäusl - unsere Unterkunft am Wolfgangsee, Österreich (2017)
  • Primushäusl in Sankt Wolfgang, Österreich, 2017
  • Primushäusl in Sankt Wolfgang, Österreich (2017)
  • Sankt Wolfgang, Österreich (2017)
  • Sankt Wolfgang, Österreich (2017)
  • "Im Weissen Rössl" in Sankt Wolfgang, Österreich (2017)
  • Wolfgangsee in Österreich (2017)
  • Schwarzensee in Österreich (2017)
  • Ein eigenes Auto ist hier eine Selbstverständlichkeit. In Russland hätte ich nicht einmal einen Führerschein besessen.
  • Mein Kleiderschrank ist voll und die Kleidung muss ab und an sogar aussortiert werden (fällt mir nicht unbedingt leicht) 😉 In Russland wäre ich nie auf die Idee gekommen, etwas zu entsorgen – dafür hatte ich viel zu wenig und man konnte ja alles noch gebrauchen.
  • Einkaufen in Deutschland … Was soll ich dazu schreiben? … Und was soll ich zu dem fast täglichen, stundenlangen Schlangestehen in Omsk schreiben? … Ich schreibe lieber nichts.
  • Ausgehen zum Abendessen ist für mich in Deutschland nichts Außergewöhnliches … In Omsk war ich – ich weiß es ganz genau – zweimal in einem Restaurant.
  • Krankenhäuser in Deutschland … Kein einziges Mal hatte ich mich eingesperrt gefühlt. In Russland … Besser, gar nicht daran zu denken, geschweige denn davon zu erzählen. (Trotzdem habe ich es schon einmal getan, in diesem Artikel. Auch in meinem Buch kommt das Thema vor).

Mit Sicherheit könnte ich diese Liste noch um einige Punkte erweitern. Ja, es fällt mir noch eine Menge „Kleinigkeiten“ ein! Es ist jedoch auch so schon erkennbar, dass zwischen dem, was mein Leben einst war, und dem, was es heute ist, ein tiefer Graben liegt. Für mich fühlt es sich wie ein kalter, schwarzer Abgrund an, und es schaudert mich, wenn ich da hinunterblicke, wenn ich „abrutsche“ und hinabstürze, wie es in meinen Träumen nicht selten der Fall ist …

Auf die Anfangsfrage zurückkommend, behaupte ich nun, dass die Depression nicht allein durch positive Gedanken besiegbar ist – leider. Meine Versuche scheitern da immer wieder. Und der Wille reicht auch nicht aus. Aber in Zeiten ihrer Abwesenheit hilft es, sich stets in den Sinn zu rufen, was alles seit 26 Jahren mein Leben nicht mehr belastet, wie erfüllt mit wunderbaren Dingen es heute ist. Dann kann sich die graue Hexe bei ihrem nächsten Besuch nicht ganz so breit machen. Dann trifft sie auf mehr Abwehr.

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Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk). Seit 1992 lebe ich in Deutschland und arbeite als Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste in der Stadtbücherei Lüdenscheid. In der Freizeit schreibe ich gern, auch für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum".

4 Kommentare zu „Positiv ist mehr

  1. Vielleicht sollte jeder so eine Liste anfertigen und erkennen wie gut es ihm geht. Klar, Depressionen kann man damit nicht heilen, aber alles Positive ist ein Sonnenstrahl, der die Dunkelheit durchbricht oder auch nur ein wenig erhält. Ich finde es sehr schön liebe Rosa, dass du uns an allem teilhaben lässt. Es hilft und es trägt durch die Zeit, die für jeden oft nicht so einfach ist. LG Geli

    Gefällt 2 Personen

    1. Lieben Dank, Geli, für deine Worte.
      Ja, die Zeit ist nicht einfach und das Leben auch. Aber es hilft, daran zu denken, wie viel schlimmer es einst war. Durch diese „Listen“ habe ich selbst erkennen können, dass das Glück eigentlich auf meiner Seite ist 😉

      Gefällt 1 Person

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