Veröffentlicht in Persönliches

Unsterblich?

Im Teenager-Alter dachte ich viel (eigentlich viel zu viel!) über die Menschheit, das Leben, das Universum und den Sinn von alledem nach. Und noch früher, als Kind, fühlte ich mich gar unsterblich. Die kleine Rosa war überzeugt, dass sie immer in dieser Welt existieren wird. Es war ein eigenartiges Gefühl, viel mehr schon ein unerschütterbares Wissen, das für mich genauso selbstverständlich wie das Atmen war.*
Wenn ich mit meinen Eltern zu Beerdigungen ging (was im Dorf, in dem jeder jeden kannte, vergleichsweise oft vorkam) und die Verstorbenen in den Särgen mit etwas Unmut, aber neugierig beäugte, war mir selbst klar: jung oder alt – ich werde nie tot in so einer Kiste landen. Allein der Gedanke daran kam mir absurd vor. Die anderen … ja, die waren wohl sterblich – das konnte ich nun nicht abstreiten. Aber ich … ich nicht. Ich bin etwas ganz besonderes, dachte ich. Ich werde immer Leben – das stand fest. Felsenfest. Die Ewigkeit machte mir damals keine Angst – ich hatte ja noch einiges zu tun auf dieser Welt.

Aber je älter ich wurde, desto mehr bröckelte es in mir. Irgendwann, mit zwölf-dreizehn, zerfiel meine Festung gänzlich zu Staub und Asche. Jedoch gaben die Überreste etwas anderes frei, eine Offenbarung, die ebenso tief in meinem Inneren verankert zu sein schien wie einst der Glaube an die eigene Unsterblichkeit. Nun wusste ich es besser: nicht ich bin unsterblich, sondern das ICH.
Darüber hatte ich früher unzählige Diskussionen geführt – mit meiner besten Freundin, mit meinen Schwestern, später mit meinem Ehemann und noch später – mit meiner Ehefrau. Zu meinem Bedauern, verstand mich keiner oder man verstand meine Ausführungen falsch – als die Idee der Wiedergeburt.
Im folgenden Text, entstanden 2010, habe ich versucht, meine Gedanken zu ordnen und verständlich zu machen. Ob daraus etwas geworden ist? Ich will es hoffen 🙂

*Als Erwachsene kann ich diese einzigartige Gewissheit, die ich als Kind besaß, leider kaum mehr nachempfinden, bis auf zwei-drei seltene und äußerst sonderbare Momente in meinem Leben.

ICH, mein Tod und das Leben

Vom Tod habe ich eine ganz eigene Vorstellung. Es ist meine tiefe Überzeugung, oder vielleicht mehr eine Empfindung – eine vollkommen natürliche.
Eins vorweg – ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, demzufolge glaube ich nicht an Gott und im Grunde genommen – an gar kein höheres Wesen.
Vom Tod habe ich meine eigene Vorstellung, eine vollkommen natürliche. Dieses Wissen ist für mich selbst logisch und simpel. Aber es ist sehr schwer, ein solches Gefühl in Worte zu fassen. Vielleicht verstehen mich viele deshalb nicht, obwohl sie möglicherweise genauso denken wie ich?
Ich will dennoch versuchen, mich zu erklären, diesmal schriftlich – schwarz auf weiß.

Wenn ich gestorben bin, werde ich nicht mehr wissen, dass ich gelebt habe. Ich werde auch nicht wissen, dass ich tot bin. Ich werde meinen Tod nicht erleben, weil dieses Erlebnis nicht mehr existieren wird.
Ich werde den Tod nicht fühlen und ebenso wenig das Nichtsein, also gibt es das Nichts nicht


Was bedeutet nun mein Tod?

Da es ein Nichts nicht gibt, gibt es logischerweise ein Etwas. Und dieses Etwas – die Welt – kann nur bewusst erlebt werden. Als Individuum bin ich aus dieser Welt samt meines Bewusstseins jedoch gelöscht. Restlos. Und da es mich als ICH nicht mehr gibt, übernimmt diese Funktion ein anderes Lebewesen. Das kann ein Mensch sein, der bereits in dieser Welt existiert, oder einer, der gerade im Moment meines Todes geboren wird, vielleicht sogar ein intelligentes Lebewesen auf einem anderen Planeten – das liegt außerhalb jedweder Erkenntnis. Ich denke, es geschieht einfach per Zufall, sowie ja vieles im Universum zufällig passiert.
Ich versuche es bildlich auszudrücken: Jedes einzelne Bewusstsein, jedes einzelne ICH ist in einem großen Computer als Programm gespeichert. Jeder, der ihn benutzt, ruft sein Lebens-Programm auf. Es muss für ihn als Hauptprogramm im Vordergrund ablaufen, sonst kann der Computer, der sich Welt nennt, nicht funktionieren.
Betrachtet aus meiner Perspektive, ist mein Programm das Hauptprogramm – das ICH, betrachtet aus der Perspektive eines anderen Menschen, ist dessen Programm das Hauptprogramm – das ICH. Wenn ich sterbe, wird mein Programm und somit mein ICH gelöscht, aber das Hauptprogramm des anderen – das (ebenso)-ICH – ist noch da und läuft!


Der Computer Welt funktioniert weiter auch ohne mich – und trotzdem mit ICH (eines anderen Menschen).

Man könnte sich auch einen gigantischen Raum vorstellen, in dem es unendlich viele Bücher gibt. Jedes Buch beinhaltet die Lebensgeschichte einer Hauptfigur – des Ich-Erzählers. Ein Buch wird geöffnet, vom Licht angestrahlt. Es ist meine Lebensgeschichte und mein Leben beginnt, erzählt von Ich-Rosa. Plötzlich wird es dunkel, das Buch schließt sich. Mein Leben ist zu Ende. Aber das Licht ist nicht wirklich ausgegangen, es ist nur weitergewandert! Es leuchtet für ein anderes Buch, für eine andere Lebensgeschichte und wieder für das Leben eines Ich-Erzählers. ICH-du? ICH-Julia? ICH-Alex? Oder ICH-X?
Die Namen ändern sich. ICH bleibt.
Und so geht es immer weiter und immer weiter, bis in alle Ewigkeit.*

Geschrieben von ICH – Rosa Ananitschev

September 2010

* Nein, nicht bis in alle Ewigkeit, sondern so lange wie es intelligente Wesen und das Bewusstsein im Universum gibt.


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Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk). Seit 1992 lebe ich in Deutschland und arbeite als Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste in der Stadtbücherei Lüdenscheid. In der Freizeit schreibe ich gern, auch für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum".

2 Kommentare zu „Unsterblich?

  1. Liebe Rosa, da hast du ein sehr kompliziertes, komplexes Thema angefasst. Ich verstehe, wie du es meinst. Möglich, dass es so ist. Aber das glaube ich nicht, weil ich glaube, dass es keinen Zufall gibt, und daher alles mit Leben und Tod doch vielleicht auf einer ganz anderen Ebene abläuft. Wir wissen es nicht. Aber interessant ist dein Gedankengang allemal. Sehr interessant. Lg! 😘

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Christel, danke, dass du dich mit meinen Gedanken beschäftigt hast. Ja, so hat jeder seine eigene Vorstellung oder seinen eigenen Glauben … Ich könnte jetzt schreiben: wir werden ’s sehen, wenn wir sterben 😀 Meines Glaubens werden wir es aber nicht 😉
      Herzliche Grüße
      Rosa

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