Veröffentlicht in Autobiografie, Persönliches, Psyche

Die Geschichte (m)einer Depression

Das Thema Depression kommt immer wieder in meinen Texten vor und trotzdem fehlen mir für die Beschreibung dieser grauen Hexe oft die passenden Worte. Ja, für mich ist sie eine graue Hexe und dazu auch noch mit vielen Gesichtern – es kann ein hämisch grinsendes, ein Panik einjagendes, ein aus der Ferne beobachtendes, es kann aber auch ein gleichgültiges und nichtssagendes Gesicht sein, aber es ist stets dunkel, farblos und hässlich. Mit einem Wort – grauenvoll.

Sie nahm von mir Besitz, als ich etwa fünf Jahre alt war. Vielleicht war sogar die folgende Episode, die ich noch gut in Erinnerung habe, der Moment, in dem sie sich mir zum ersten Mal zeigte.

Aus meinem Buch „In der sibirischen Kälte“:

„Es ist ein grauer Morgen. Meine Mutter hält mich auf dem Arm. Sie hat mich gerade hochgehoben und mir ist bewusst, dass ich ins Bett gemacht habe. Ich schäme mich, weil ich doch schon so groß bin – (wie groß?). Es geht mir sehr schlecht, aber nicht wegen des Einnässens, sondern aus einem anderen Grund: Ich will nichts. Ich will absolut nichts. Ich will nichts denken und nichts fühlen, weil das Denken und Fühlen so weh tut. Ich will nicht da sein …
Ich erinnere mich klar an den nassen Busch draußen, dicht vor den Fensterscheiben, die Regentropfen auf den grünen Blättern, die bunte Raupe, die bewegungslos auf einem Zweig hängt … Auch das tat unendlich weh …“

Die kleine Rosa Schütz

„… Ich war ein stilles, ängstliches und trauriges Kind. Wenn ich heute mit den Augen eines Erwachsenen in die Vergangenheit blicke, weiß ich, warum dies so war, und das kleine Mädchen von damals tut mir unendlich leid. Es ist ein irrationales Gefühl – dieses Mädchen gibt es längst nicht mehr, es ist eine Frau geworden, die ihren Weg gegangen ist, die eigentlich immer erreichte, was sie erreichen wollte. Dennoch schmerzt mein Herz in Erinnerung an das, was war, und es kommt mir vor, als ob es vorgestern gewesen sei.
Heutzutage ist es kein Geheimnis, dass auch Kinder depressiv sein können. Damals in Russland ahnte gewiss niemand so etwas. Aber ich denke, es ist das Schlimmste, das einem Kind widerfahren kann – sich des Lebens nicht freuen zu können, sondern den Wunsch zu haben, irgendwie irgendwohin daraus zu verschwinden.
Ich hatte keine Ahnung, dass meine Niedergeschlagenheit, meine nagende Sehnsucht nach irgendetwas, das ich nicht definieren konnte, die Symptome einer Krankheit waren. Vielmehr war ich überzeugt, dass sich an meinem Zustand nichts ändern ließ: So war ich eben. Nicht einmal meine Eltern merkten, dass eine ihrer Töchter innerlich litt und hätten sie es bemerkt, hätten sie die Krankheit nicht benennen können.
Manchmal dachte ich: ‚Wenn ich so bin, dann müssen sich doch alle Kinder so fühlen‘, und es wunderte mich, dass ich dies nie an ihrem Verhalten, an ihren Gesichtern ablesen konnte.“

Ausschnitt aus Offener Brief:

„… Nun musste ich weiter leben, depressiv oder nicht. Und ich lebte weiter, ich hatte mich mit dieser hässlichen, grauen Hexe arrangiert, irgendwie konnte ich sie im Hintergrund halten, nicht zulassen, dass sie mich und mein Dasein völlig vereinnahmt. Aber sie war immer präsent. Eigenartigerweise konnte ich sie in stillen Momenten am stärksten spüren. Da reichte es nur, den Blick über die weiten Felder zum Horizont, zum grünen Waldstreifen schweifen zu lassen, um zu wissen – da, über der dünnen, grünen Linie flackert etwas … Es lauert in der Ferne, wartet den passenden Moment ab, um mich zu überfallen und mir alles zu nehmen, um mich zu lähmen und vielleicht auch ganz zu vernichten.

[…] Als Kind und Jugendliche hatte ich mit keinem Menschen darüber gesprochen, mich nie beklagt. Wie sehr jedoch sehnte ich mich danach, dass jemand mich anspricht, mich fragt, wie es mir geht, was mir fehlt. Ich versuchte sogar, Erwachsene auf mich aufmerksam zu machen, indem ich demonstrativ meine Traurigkeit zur Schau stellte. Aber auch das nutzte nichts, keiner hat das kleine Mädchen und seine stummen Hilferufe wahrgenommen, keiner hat es verstehen wollen. [Ja, leider gibt es so einen Duh wie in „Andersrum“ nicht im wirklichen Leben]. Was hätte ich den Menschen, den Erwachsenen sagen wollen? Das wusste ich nicht, ich wusste nicht einmal richtig, was mich so quälte. Vielleicht hätte es mir gereicht, einfach nur getröstet, in Arm genommen zu werden …“

Die Straße meiner Kindheit im Dorf Schönfeld (Dobroje Pole)
 Die Straße meiner Kindheit, allerdings erst Jahrzehnte später aufgenommen.

Mit 15-16 ging es mir besser; sie ließ von mir ab – die Depression. Heute weiß ich, warum – ich war die meiste Zeit der letzten zwei Schuljahre fern vom Dorf und wohnte bei meiner Schwester in einem anderen Ort. Dort fühlte ich mich frei und sicher.

Obwohl ganz weg war sie wiederum auch nicht. Ich spürte ihre dunkle Anwesenheit, ihren Schatten, aber sie beherrschte nicht mehr meine Seele, meine Gedanken. Sie beobachtete mich nur – aus der Ferne, wartete die Stunde ab, in der sie zurückkehren und erneut zuschlagen kann.

Und sie schlug zu – später, als ich schon verheiratet war und in Omsk lebte. Sie lauerte mir jedes Mal auf, wenn ich mich in die Enge getrieben oder eingesperrt fühlte, übte ihre dunkle Macht aus und ließ in mir die Panik bis ins Unermessliche wachsen.

Folgender Text, entstanden 1994 (schon in Deutschland, in der Schreibwerkstatt der VHS, die ich einige Semester lang besuchte), ist ein Versuch, diesen Panik-Zustand zu beschreiben. Seitdem habe ich den Text mehrmals überarbeitet, trotzdem stellt mich das Ergebnis nicht ganz zufrieden. Ich werde wohl nie die richtigen Worte dafür finden.

=====

Gefangen

Es hat mich wieder überfallen. Das Allerschlimmste hält meine Seele und meinen Verstand in seiner Gewalt. Es herrscht nicht nur in mir, sein Schatten wird immer größer und verbreitet sich überall. Ich kann ihm nirgendwo entkommen, weder in einer Menschenmenge noch in der Einsamkeit. Auch im Schlaf verfolgt es mich, drängt in meine Träume ein und durchtränkt sie mit dickflüssigem, qualvollem Seelenschmerz, der bis in den neuen Tag hineinreicht. Und der Albtraum geht weiter. Ein Albtraum, der zu meiner Wirklichkeit geworden ist.
Ich suche irgendetwas in meinem Herzen, das die Kraft hätte, mich wieder zu erwecken, vielleicht eine winzige Freude, eine schöne Erinnerung, einen kleinen Wunsch, finde aber nichts, woran ich mich halten kann. Das Leben ist völlig sinnlos geworden. Ich kann es nicht mehr ertragen, aber es zieht sich unendlich hin. Und diese Gewissheit – ich werde weiter, ich werde ewig so leben müssen, jagt mir eine höllische Panik ein, die sich heiß und schwer in meinem Nacken festkrallt.
Verzweifelt versuche ich, mir einen Trost aufzubauen, rede mir ein, dass ich aus dieser Ewigkeit doch noch herausfinden kann. Es kostet mich ja bloß einen Schritt, einen kleinen, einfachen Schritt! Aber dieser gelingt mir nicht, denn der Tod scheint mir auf einmal genauso entsetzlich wie mein Dasein.
Mit erschütternder Klarheit erkenne ich – es gibt keinen Ausweg. Ich bin gefangen. Gefangen in diesem unendlichen, unerträglichen Augenblick zwischen Leben und Tod, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Gefangen in mir selbst.
Ein unbezwingbares Bedürfnis, die Flucht vor mir zu ergreifen, treibt mich von einer Ecke in die andere. Gefangen!
Mit letzten Kräften sammle ich die wenigen, noch erhaltenen, zerstreuten Brocken meiner Vernunft und atme tief eine Erleichterung ein, die sich sofort mit einem Schimmer von Hoffnung verbindet: Es ist alles nicht so schlimm! Sieh mal, die Sonne scheint! Die Welt ist so schön und du kannst noch so viel Freude haben! Du bist doch nicht allein! Es wird alles wieder gut.
Eine nächste heiße, panische Welle steigt in mir hoch und schwemmt auch diese kaum entstandene, dünne Hoffnung wieder fort. Ich weiß, es war bloß eine kurze Illusion, eine Lüge. Und ich weiß – die düstere Ewigkeit steht mir bevor.
Wie an einen Strohhalm klammere ich mich an den Telefonhörer. Ich muss mit jemandem reden, eine menschliche, vernünftige, klare Stimme hören. Eine Stimme, die vielleicht imstande ist, meine Panik ein wenig zurückzudrängen. Ich wähle die Nummer meiner Freundin. Aber auf den Signalton am anderen Ende der Leitung reagiert keiner. Niemand hört mich.
Mein Schicksal grinst mich aus den schwarzen Telefontasten grässlich und höhnisch an. Stumm und wie gelähmt schaue ich ihm entgegen …

=====

Erst mit 56 kam ich dahinter, wie und warum die „graue Hexe“ damals so leicht den Weg zu der kleinen Rosa fand. Dafür sorgten die Flashbacks und die sonderbaren Gefühle, die eines Tages aus meinem Unterbewusstsein emporstiegen.

Aus meinem Buch „In der sibirischen Kälte“:

„… etwas geschah in mir … es schien, als löse sich in der Tiefe etwas Uraltes und steige blubbernd auf wie Luftblasen. Nur enthielten sie keine Luft, sondern Angst, eine klebrige, undefinierbare Angst, die mich frösteln ließ. Schreckliche Unruhe erfasste mich, der Drang, die Flucht zu ergreifen. Wohin? Wovor? Ich wusste es nicht, redete mir im Stillen gut zu, dass es auf jeden Fall verrückt sei davonzulaufen – es drohe mir hier und jetzt keine Gefahr. Und doch hielt es mich nicht mehr im Bett. Ich sprang auf und lief in der Wohnung auf und ab, wie von irgendetwas angetrieben. Dann – das Schlimmste von allem – ich hörte ein Weinen, das bittere Weinen eines zutiefst unglücklichen, zutiefst verletzten, einsamen Kindes. Es kam nicht von außen, sondern aus meinem Inneren, ich hörte es in meinem Kopf …
Die Tatsache, dass sich alles in genau dieser Reihenfolge abspielte, brachte mich völlig aus dem seelischen Gleichgewicht. Unweigerlich drängte sich mir dafür nur eine Erklärung auf, die ich erst einmal verarbeiten musste.“

Heute bin ich 64 Jahre alt. Heute kann ich zurückblicken und die kleine Rosa (wenn auch nur gedanklich) in die Arme schließen. Heute kann ich ihr sagen: „Wir zwei, wir haben es geschafft, wir haben unser Leben gemeistert, wir sind stark.“ Und heute hätte ich auch den Mut, dem Täter ins Gesicht zu sehen und ihm meine Verachtung entgegen zu bringen für alles, was er einem wehrlosen Kind angetan hat, dafür, dass er mein Leben fast zunichte gemacht hat, aber mein Bruder (es fällt mir schwer, ihn als Bruder zu bezeichnen) lebt nicht mehr und kann sich seiner Verantwortung nicht mehr stellen.

Zum Abschluss dieser Geschichte möchte ich noch unbedingt das wiederholen, was ich auch schon in meinem Buch zum Ausdruck gebracht habe. Bei allem Unglück hatte und habe ich großes Glück in meinem Leben. Ich war und bin immer von Menschen umgeben, die mich auffingen, die mich nicht fallen ließen, und dies gilt bis zum heutigen Tag. Es waren meine beste Freundin und mein Ehemann, es sind meine Lebenspartnerin, meine Freunde und keinesfalls zuletzt – meine Kinder.

Quelle: www.gruss-an-dich.de

 

 

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Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk). Seit 1992 lebe ich in Deutschland und arbeite als Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste in der Stadtbücherei Lüdenscheid. In der Freizeit schreibe ich gern, auch für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum".

Ein Kommentar zu „Die Geschichte (m)einer Depression

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