Veröffentlicht in Kurzgeschichte

Ich kann ja fliegen!

Für Julia

Ach, wie schön es ist zu leben! Die Sonne, die Wärme zu spüren! Die Blumen, ihre prachtvollen Farben und Formen, ihre Vollkommenheit zu bewundern, von ihren köstlichen Säften zu trinken!

Ich liebe diese Welt und obwohl ich sie gerade erst betreten habe, kenne ich schon viele ihrer Geheimnisse. Zum Beispiel weiß ich – das riesige Wesen, das in der Nähe auf der grünen Wiese sitzt, mich mit großen Augen betrachtet und die Hand nach mir ausstreckt, ist eigentlich noch ganz klein. Es ist ein kleiner Mensch, ein Kind. Ich weiß sogar, dass es ein Mädchen ist und dass es mich noch nie zuvor gesehen hat. Auch ich sehe es heute zum ersten Mal.

Das Mädchen fasziniert mich. Es hat blonde, vom Wind zerzauste, luftige Locken. In der Sonne leuchten sie wie Gold. Oder wie eine Sonnenblume. Wie die da, neben mir. Die Haut des Kindes sieht so zart aus. Ich möchte sie gern berühren. Die Augen der Kleinen sind hellblau und strahlend. Ich muss diesen kleinen Menschen unbedingt näher kennenlernen, herausfinden, wie sich seine Haut anfühlt, wie sie duftet. Meine Neugier ist so groß! Aber wie komme ich zu ihm? Wie?

Oh, ich kann ja fliegen! Das wusste ich noch gar nicht! Und wie leicht, wie einfach das geht! Ich brauche mir nur eine Blume anzusehen, mir vorzustellen, wie ihr Nektar wohl schmecken mag, und schon schwebe ich in der Luft, schon bin ich dort, wo ich es mir wünsche …

Jetzt muss ich aber erst ein paar Runden drehen – über die Wiese, von Blüte zu Blüte, zu den Bäumen und zurück und dann hoch in den Himmel hinauf. Oh! Ich liebe das Fliegen! Ich fühle mich so schwerelos, so wundervoll, so frei. Die ganze Welt gehört mir!

Ach, vor lauter Glück hätte ich beinahe meinen allerersten Wunsch vergessen … das Mädchen zu berühren! Ja, jetzt kann ich es im Nu erreichen.

Meine Vermutungen sind richtig. Menschenhaut ist wirklich sehr zart, warm und angenehm. Sie riecht so schön nach Milch, nach Honig.

Das Mädchen schaut mich verwundert und etwas ängstlich an. Vorsichtig versuche ich, mich an ihrem Arm entlang zu bewegen und die Kleine lacht – ich kitzele sie. Die Angst verschwindet aus ihren Augen. Ihr Mund bewegt sich, als ob sie mir etwas sagen möchte, aber wahrscheinlich kann sie noch gar nicht sprechen. Und bestimmt hat sie überhaupt keine Ahnung, wer ich bin. Na ja, scheinbar wissen die Menschen am Anfang ihres Lebens auch nicht besonders viel.

Weißt du es denn wirklich nicht, Kleine? Weißt du nicht, dass ich ein Schmetterling bin? Ein Schmetterling, der gerade erst in die Welt geschlüpft ist?

Wir zwei sind uns sehr ähnlich, weißt du das? Wir mögen die Farben, die Blumen, den Sonnenschein. Wir brauchen viel Wärme, viel Liebe. Wir machen unsere ersten Schritte unter diesem herrlich blauen Himmel. Wir sind neugierig und offen für alles, was schön ist. Wir sind Geschöpfe, die anderen eine besondere Freude bereiten.

Aber da ist auch noch etwas, das ich nicht so ganz verstehe, das mich ein wenig beunruhigt. Ich glaube, irgendwelche Geräusche zu empfangen, die von deinem Inneren ausgehen, ein leises, rhythmisches Klopfen – als ob jemand ins Freie möchte. Ich spüre ein Flattern in dir, das mich an kleine Flügel denken lässt.

Könnte es sein, dass sich in dir ein Schmetterling verbirgt? Ein Schmetterling, der vielleicht auch schon bereit ist, zu schlüpfen? So, wie ich es getan habe? Und wenn es so ist, kannst du dann nicht auch fliegen? Jetzt schon?

Ich bin mir sicher – du kannst es. Vielleicht weißt du es bloß nicht. Genauso wie ich es nicht gleich wusste.

Willst du es nicht versuchen? Schau mal, das ist überhaupt nicht schwer! Du konzentrierst dich auf eine Blume, zum Beispiel auf diesen hübschen Löwenzahn und sagst dir: „Da will ich hin!“ Der Rest, wie du siehst, kommt von allein …

Puh, ehrlich gesagt, hatte ich jetzt Angst, dass es bei mir nicht mehr klappen werde. Aber zum Glück scheint meine wunderbare Fähigkeit nicht verloren zu gehen.

Was ist denn nun mit dir? Kommst du mir nicht nach?

Ja, ich begreife schon – du kannst nicht fliegen. Wahrscheinlich bist du dafür doch etwas zu riesig. Schade. Denn – wie sehr ich dich auch mag – ich kann nicht länger hier bleiben. Ich muss weiterziehen, neue Entdeckungen machen, Abenteuer erleben und Erfahrungen sammeln. Mein Sommer, mein ein-einziger Sommer ist kurz und ich habe noch eine Menge zu lernen.

Du sollst aber nicht traurig sein. Es kommen andere Schmetterlinge, die du bewundern wirst, die dich bewundern werden. Und wenn in dir wirklich einer von uns lebt, dann wirst auch du irgendwann fliegen können. Als Schmetterling. Du darfst ihn nur nicht zu lange in dir gefangen halten, sonst stirbt er, noch bevor er erfahren hat, wie schön es ist, auf dieser Welt zu sein. Halte ihn nicht fest! Lass ihn heraus! Lass ihn fliegen!

Folgender Beitrag hat mich an diese kleine Geschichte, die ich 2011 schrieb, erinnert 🙂

https://einfachtilda.wordpress.com/2018/08/07/von-schmetterlingen-umworben/

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Autor:

Geboren bin ich 1954 in Omsk (Westsibirien), lebe seit 1992 in Deutschland. Mein Beruf: Bibliothekarin; ich arbeite als Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste in der Stadtbücherei Lüdenscheid. In der Freizeit schreibe ich gern in meinem Blog und beschäftige mich mit meiner Homepage. Es gibt auch zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum".

5 Kommentare zu „Ich kann ja fliegen!

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