Veröffentlicht in Autobiografie, Persönliches

Ein Vierteljahrhundert

Jubiläum verpasst!

Ja, ich hätte feiern können – ein Vierteljahrhundert meines Lebens in Deutschland. Vor 25 Jahren, am 4. Dezember 1992, nahmen meine Familie und ich Abschied von dem frostigen Moskau, wo wir fast zwei Wochen an der Deutschen Botschaft in der Warteschlange verbrachten (um die Visa zu bekommen). Im Flugzeug der Lufthansa hoben wir wahrhaftig und entgültig ab – in Richtung Frankfurt am Main. Dort empfingen uns überraschend milde Temperaturen … und eine völlig andere Welt.

Es ist inzwischen so selbstverständlich – mein Leben in Sicherheit, im Wohlstand, in der Demokratie, und doch denke ich oft an frühere Zeiten, daran, was für ein Glück (im Unglück) ich hatte, in Russland eine Deutsche gewesen zu sein. So konnte ich dieses alptraumhafte Land verlassen und mit mir – auch meine Familie. Das Interessante ist – erst im Nachhinein empfinde ich es als Alptraum. Als ich noch mittendrin war, schien mein Leben nahezu normal. Ich hatte zu arbeiten, zu sorgen, ich hatte meine Kinder, meinen Mann, meine Freundinnen, ich hatte meinen Kummer und auch meine Freude und Glücksmomente. Da gab es wenig Zeit fürs Innehalten und Nachdenken, den sozialistischen Alltag mit dem kapitalistischen konnte ich ohnehin nicht vergleichen. Erst die letzten paar Jahre haben sich in meinem Gedächtnis als besonders schlimm eingebrannt. Alles brach auseinander, beziehungsweise in sich zusammen, und in diesem Chaos dominierte der blanke Überlebenswille … und dazu kamen noch die entsetzlichen Verbrechen, die der Zusammenfall der Sowjetunion ans Licht förderte. Es war bloß die oberste Schicht im Ozean des unendlichen Grauens und doch zutiefst erschütternd. Ich glaube – den ganzen Wahnsinn des Roten Terrors wird man nie aufdecken können, obwohl immer noch (und immer mehr!) Fakten um Fakten an die Öffentlichkeit gelangen …

Die ersten Wochen und Monate in Deutschland …
Neben den Formalitäten, dem Einleben und Einrichten in der neuen Heimat machte mir  auch noch arg meine Depression zu schaffen, die mich schon am Frankfurter Flughafen überfallen hatte. Warum? Warum war ich depressiv, obwohl doch endlich mein Traum in Erfüllung ging und alles gut lief? Warum meldete sich diese graue Hexe, wie ich sie nenne, erst dann, als ich schon alles hinter mir hatte? Klar, es gab dafür einen Auslöser, jedoch war es keiner der gravierenden Sorte … Warum hatte sie mich in den viel härteren Zeiten vor der Ausreise ‚verschont‘?

Wenn ich so darüber nachdenke, dann meine ich, eine Erklärung gefunden zu haben.
In den zwei Jahren der Vorbereitungen war ich so sehr darauf konzentriert, den Kampf zu führen und zu gewinnen, dass die Depression sich nicht durchsetzen konnte. Zu stark war meine Abwehrkraft. Allein schon die drohende Einberufung meines ältesten Sohnes und das Lösen dieses Problems hatte mir einiges abverlangt …
Als es dann vorbei war, schlug sie sofort zu, in der Absicht, nun alles Versäumte nachzuholen.

Ich frage mich, was wäre, wenn Alexey doch in die Armee kam, was wäre, wenn wir den Absprung nicht geschafft hätten? … Mit der Antwort darauf will ich mich jedoch heute nicht einmal beschäftigen. Das macht schon oft genug mein Unterbewusstsein – in meinen schlimmsten Alpträumen.

Das erste Auto in Deutschland
Mein Jüngster, 15 Jahre alt, neben unserem ersten Auto (1994)
Mikel Taach - 1. Platz beim Kick-Thai-Boxen (Battle of Westfalia), Februar 2017
Ebenso alt wie sein Papa damals … Mikel, mein Enkelsohn, und die stolze Mama. Erster Platz beim Kick-Thai-Boxen (Battle of Westfalia), Februar 2017

Passend zu diesem Beitrag: Aus Sibirien ins Sauerland

Beitragsbild: Drama Theater in Omsk, aufgenommen 2003.

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Autor:

Geboren bin ich 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet Omsk). Seit 1992 lebe ich in Deutschland und arbeite als Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste in der Stadtbücherei Lüdenscheid. In der Freizeit schreibe ich gern, auch für meine Blogs und für die Homepage. Es gibt zwei Buchveröffentlichungen von mir: "In der sibirischen Kälte" und "Andersrum".

6 Kommentare zu „Ein Vierteljahrhundert

  1. Ich lese gern von dir liebe Rosa, weil ich dann auch erkenne, wie gern wir doch alle auf hohem Niveau jammern. Uns geht es extrem gut, aber das reicht nicht. Höher, weiter, schneller. Jedes Jahr der neue BMW, der teure Urlaub. Erst durch solche Geschichten besinnt man sich wieder (hoffentlich) Obwohl wir uns nicht persönlich kennen, so schätze ich dich sehr. LG Geli

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    1. Danke, liebe Geli! Ja, uns geht es gut, und so soll es ja auch sein und bleiben. Es wäre schön, wenn es allen Menschen auf unserer Erde gut gehen würde. wenn sie aufhören würden, einander zu vernichten und stattdessen aufeinander achtgeben … Aber das werden wir in unserer Welt wohl nie erreichen …

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  2. “ erst im Nachhinein empfinde ich es als Alptraum. Als ich noch mittendrin war, schien mein Leben nahezu normal.“

    Ich denke, das ging vielen so, auch Menschen, die nach dem Mauerfall hierher kamen. Man kann ja den Unterschied in seinem Alltag nicht wirklich fassen.
    Dein Bericht ist wieder sehr nachdenklich stimmend und einmal mehr empfinde ich Dankbarkeit, dass ich hier in Deutschland im Westen aufwachsen durfte, auch wenn es damals für mich viele Entbehrungen gab. Danke, dass du diese Eindrücke teilst. Es ist so wichtig für das gegenseitige Verstehen.

    Gefällt 2 Personen

  3. Ja, Rosa, was den sozialistischen Alltag betrifft, darüber hatten wir uns ja bereits in der Zeit vor dem Erscheinen deines Buches unterhalten! Es ist richtig: Wir empfanden den Druck nicht – besser – wir waren durch Lernfähigkeit auf ihn eingestellt und hatten innerhalb privater ‚Ecken‘ unser ganz ’normales‘ Familienglück. Selbst wir in der DDR – nahe, ganz nahe am ‚kapitalistischen Ausland‘ – hatten keinen wirklichen Vergleich zu einem ‚anderen‘ Leben!, denn dazu gehört nicht allein die vordergründige ‚Fressvariante‘ (Geld, Waren, Reisemöglichkeiten), sondern vor allem der politische Hintergrund, der in beiden Staaten ja so unterschiedlich und nicht so leicht auszuloten war!
    Für das Unterbewusstsein bin ich Gott, der Natur, der Evolution, wie immer du es nennen willst, dankbar, auch wenn diese ‚Senkgrube‘ des menschlichen Gehirns eher wie ein Fluch erscheint. Es ’schluckt‘ anfangs, was man mit voller Wucht nicht ertragen könnte – das ist gut – und es spült Verschlucktes wieder nach oben – das erschreckt. Aber das Emporspülen geschieht in der Regel erst, wenn man den Kampf mit den Schrecknissen aufnehmen kann. (Bei mir sind es die Kriegserlebnisse) Letztendlich machen uns derartige Kämpfe zu dem, was wir sein möchten und auch sollten – Menschen mit Reife und Lebenserfahrung! Dir alles Liebe, Barbara

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    1. „Es ’schluckt‘ anfangs, was man mit voller Wucht nicht ertragen könnte – das ist gut – und es spült Verschlucktes wieder nach oben – das erschreckt. Aber das Emporspülen geschieht in der Regel erst, wenn man den Kampf mit den Schrecknissen aufnehmen kann.“
      Liebe Barbara, das ist sehr treffend! Wir wären nicht die Menschen, die wir sind, ohne unsere – auch schlimmen – Erfahrungen, und es ist gut, dass wir jetzt den Mut haben, den Gespenstern der Vergangenheit ins Gesicht zu sehen.
      Auch dir – alles Liebe!
      Rosa

      Gefällt 1 Person

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